Reisebericht - Übersicht

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Bild des Benutzers Angela Mund
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Angereist am...: 29.04.2011
29.Apr.2011

Meldungen aus Thailand

7.10. 2010 Maennerhauptstadt
Wir sind in Dubai gelandet; die Hitze halte ich am Anfang fuer die Hitze der Flugzeugtriebwerke, das stellt sich aber bald als Irrtum heraus, es ist die knallharte Wuestenhitze, die uns den Atem verschlaegt. Aus der Airline haben wir zwei Decken mitgehen lassen, die werden uns im Verlauf der Reise noch gute Dienste erweisen, obwohl ich doch sowas wie Gewissen besitze, grinse ich den Stewardessen zum Abschied entgegen, die wohl alle durch die gleiche Zauberkugel gegangen sind, um am Ende mit dem selben Lippenstift, dem selben Zopf und dem selben Parfuem herauszukommen und nach dem 30. Lebensjahr zum Kloputzen abdegradiert zu werden. Der Flughafen ist ein steingewordener Gigant aus Mamor und Raum, die Hallen sind so gross, dass sie einem trotz der Menschen leer erscheinen. Bei der zweiten Kontrolle werde ich aus der Menge gefischt und eine Frau mit geschickt gebundem Kopftuch (haette das Kopftuch hier nicht vor allem eine religiöse Bedeutung und staende es nicht fuer die Aufrechterhaltung eines Patricharchates, koennte ich dem Ganzen durchaus einen aestethischen Mehrwert abgewinnen) durchsucht meine Tasche, darin findet sie eine kleine Flasche mit gruenem Pulver und ich muss ploetzlich lachen. Die Flasche hatte mir eine Freundin geschenkt mit der Bemerkung *Das ist Hexenpulver, wenn du in Gefahr bist, wirf es auf den Boden und wuensch dir was!* Eigentlich bin ich kein Esoteriker, nun aber finde ich mich in der schwierigen Situation wieder, einer hektischer werdenden Menschenmenge zu erklaeren, dass man das Ding nur auf den Boden werfen muss. Als ich schließlich sage *a religious object*, entspannen sich ihre Gesichter und ich darf ohne weitere Fragen durch die Tuer gehen. Dubai ist, wie man es von solch glorreichen Staedten erwartet, groß, Hochhaueser und Strassen liegen abgezirkelt nebeneinander; abgesehen von der Groesse wirkt die Architektur schon fast wieder eintoenig. Wir fahren mit der Metro durch diese Landschaft aus Smog, Glas und Stein; erst jetzt faellt mir auf, dass wir nicht nur die einzigen Touristen hier sind, sondern auch die einzigen Frauen – die Maenner, meist tragen sie weite Gewaender oder Anzuege, schauen uns mit einer Mischung aus maennlicher Neugier, Misstrauen und Ekel an; ich lege mir vorsichtshalber doch noch ein Tuch um die Schultern, aber das scheint nicht zu helfen. Wir schlendern durch die Strassen, auch hier nur Maenner, kaufen uns zwei Aepfel, lauschen dem Muezzin, finden statt der Altstadt ein Moloch aus Shops, wo Autoteile, Handys und Spieluhren verkauft werden, und Brathaehnchengestank und fluechten letztlich wieder in den Flughafen. Nach zwei Stunden ziellosen Umherirrens entdecken wir den Raucherbereich, ein Abstellraum ohne Lueftungsanlage, in den sich natuerlich nur Maenner draengen, nach drei Zuegen habe ich einen Nikotinschock und wir verschwinden lieber ins naechste Flugzeug.

9.10. 2010 Bangkok rast

Unser erster Versuch, ueber Couchsurfing bei einem Russen, der in Bangkok lebt, zu uebernachten, ist fehlgeschlagen; also fahren wir mit dem Bus, eine Mischung aus Blech und Holz, aber sehr amuesant, zur Khao San Road, soetwas wie die erste Adresse fuer Touristen, das sagt zumindest unser Reisefuehrer, der Lonely Planet, den ich ab sofort nur noch Fuehrer nenne. Die Strasse ist im Grunde eine voellig ueberladene Einkaufsmeile, hier kann man Klamotten, Ananas, Massagen und gefaelschte Paesse teurer erwerben als in den anderen Strassen; vielleicht ist es das, was die Fremden anlockt: Das fast schon europaeische Preis-Leistungs-Verhaeltnis. Die Staende liegen dicht an dicht, sind mit Planen ueberspannt, man verkauft von Waegelchen und Bauchlaeden aus wahrgewordene Hippie-Traeume, also frisch gepressten Saft und Blumenkleider. Die Unterscheidung zwischen Strasse, auf der gefahren wird und Strasse, auf der verkauft wird, wird spontan getroffen, das System ist uns noch nicht ganz klar. Unsere erste Bleibe besteht aus einem Bett und einem Ventilator, das wird auch in Zukunft so bleiben, da wir guenstig reisen wollen – diese Art Unterkunft kostet meist zwischen 250 und 300 Baht (ungefaehr 7 Euro fuer zwei Personen). Nach 15 Stunden mehr Totsein als Schlaf gibt es eine Ananas zum Fruehstueck und eine Rundfahrt entlang der Tempelanlagen im alten Viertel von Bangkok mit dem Tuktuk, ein motorisiertes Dreirad, wobei die Fahrer selbst ein eigenes Kapitel sind: 1. sie sind unglaublich aufdringlich und 2. wird man von ihnen niemals direkt zu seinem Fahrtziel gebracht, da sie an bestimmten Stationen Cupons dafuer erhalten, wenn sie Touristen dort abliefern; das sind beispielsweise die sogenannten TLTs, Touristenunternehmen, die zu viel Geld fuer schlecht geplante Fahrten verlangen; oder die staatlich gelenkten Shops, die Klamotten und Schmuck an Besucher verkaufen, um diese in das jeweilige Heimatland importieren zu lassen (dort kann man das Zeug teuer weiterverkaufen), mittels dieser kleinen Zwischenhaendler und der Lizenzvergabe umgeht der Staat die unbezahlbaren Importsteuern. Der Fahrer hingegen kann seine Cupons gegen Benzin eintauschen und hat am Ende doppelten Gewinn. Wenn man am Anfang nicht gleich hinter dieses System steigt, freut man sich ueber die billigen Fahrten, aergert sich aber ueber einen in Shops vertanen Tag. Am Abend besuchen wir das Vegetarier-Festival in Chinatown, dort bleibt uns nichts anderes uebrig, als uns dem schier unendlichen Strom aus Menschen zu ueberlassen, in dem Geruch aus Abgas und Gebratenem unterzugehen wie Nichtschwimmer auf offener See – hunderte Staende, hunderte Frucht- und Gemuesearten, die sich wie Pollock-Bilder nebeneinander reihen, saeumen die Strasse, ueber allem thront der Laerm aus Hupen und Verhandeln. Erst nach einigem Ueberlegen kaufen wir uns einen Saft aus Bambus, frittierte Teigwaren mit einem gruenen Dip und verschiedene Nudelsorten.

Bangkok ist eine verrueckte Stadt – die Menschen, das Tempo vibrieren im Gehirn und treiben nach drei Stunden Durch-Staunen zur Flucht an.

 

 

10.10. 2010 gutes Datum

Unsere naechste Pension ist billig, besteht daher lediglich aus Pappe-Waenden, die alle Geraeusche durchlassen, die in den Nebenzimmern fabriziert werden, was in dem Fall dieser Pension wohl die illegalen Gaeste (vermutlich Drogenhaendler oder Birmesen) betrifft, die zu fuenft in einem Raum schlafen – ein Schild an der Tuer weist darauf hin, dass die unregistrierten  Besucher jeden Tag bezahlen sollen – nachdem ein viel zu junges Maedchen mit geschminktem Gesicht an mir vorbeihuscht und in dem Zimmer der stillen Fremden verschwindet, habe ich nun vollends einen Krampf irgendwo zwischen Hals und Bauch stecken. Die Besitzerin hockt vor dem Fernseher und betet, als sei sie hypnotisiert worden - im TV laeuft eine Quizshow und die Moderatoren grinsen aehnlich daemlich wie in Deutschland – manche Dinge sind wohl in allen Kulturen zu finden. Obwohl sie mich kaum beachtet, ziehe ich dennoch artig meine Schuhe am Eingang aus – fuer Thailaender sind Fuesse unrein, daher ist es nicht angebracht, Schuhe in Privatraeumen zu tragen oder seine Fuesse auf den Tisch zu legen (aber auch das bedeutet fuer mich jetzt nicht unbedingt einen Bruch mit meiner Erziehung). Die Duschen liegen im Hinterhof, bestehen aus zerbrochenen Fliessen und Wellblech und werden von Geckos und Kakerlaken, die eigentlich ueberall zu finden sind, ebenso aufgesucht wie von uns - durch den Smog und die hohe Luftfeuchtigkeit wird unsere Haut permanent von einem schmierig-dreckigen Film ueberzogen, daher duschen auch Thais mindestens dreimal taeglich und benutzen ein weisses Pulver, um den Schweiss gering zu halten. Der Toilettengang in den meisten thailaendischen Sanitaeranlagen gestaltet sich als ein Hinhocken und Hoffen, dass man in das kleine Loch in einer Porzellanschuessel trifft, um das Ganze dann mittels Schoepfkelle und Wasserbottich in die Kanalisation zu schicken, wobei man kein Klopapier benutzen darf, jedoch auf einen Duschkopf (den ich hier liebevoll Arschbrause taufe) zurueckgreifen kann. Aus jeder anfaenglichen Irrtation wird letztlich immer eine Gewoehnung – darauf kann man vertrauen.

In einem Straßenrestaurant, sieht aus wie eine Garage, geschmueckt mit Bildern vom Koenig, getrockneten Krebsen, einer Karte mit den Fussreflexzonen, einem Elefantenkopf und einem Altar (hier wird jeden Tag eine Schale mit Essen hingestellt, als Gabe fuer die Geister), mit einer offenen Kochstelle davor, essen wir eine Thai-Suppe und ich frage mich, wie Bangkok wohl ausgesehen haben koennte, als man hier nur von dem lebte, was der Fluss herzugeben vermochte. Aber der Mae ist mittlerweile eine braune Bruehe geworden und schauckelt still den Muell der letzten Jahre auf seiner Wasserhaut. Thailand setzt jetzt hauptsaechlich auf Touristen und hat vor allem im Landeszentrum eine gut funktionierende Infrastruktur entwickelt, hingegen bleibt der Osten des Landes unerschlossen und damit den Bauern ueberlassen.


Tourismus

In Thailand wohnen, vor allem im bergigen und wild bewachsenen Norden des Landes, nach wie vor einige indigene Volksgruppen (wie ein Ethnologe so schoen sagen wuerde), die aus China oder Myanmar ausgewandert sind – diese Gruppen praktizieren unterschiedliche Religionen, von Animismus, Ahnenkult und Geisterbeschwoerung, bis hin zum Konfuzianismus ist alles vorhanden. Sie leben vor allem vom Reis- und Opiumanbau sowie davon, sich vor Touristen, die es per Trekkingtour in die Berge verschlagen hat, ausstellen und fotografieren zu lassen und ein paar Ohrringe zu verkaufen – leider grenzt dieser Umstand schon an Ausbeutung, da die Booking-Agenturen nur wenig Geld an die Staemme weiterleiten.

Die grosse Geldmaschine namens Europaeer erfreut sich der vorgesetzten Exotik, nur cheep muss es sein. Das haben die Thailänder von uns gelernt: Der Farang (übersetzt heisst das so viel wie Ausländer, wobei es eine nachsichtige wie auch eine beleidigende Bedeutung haben kann – mittlerweile gibt es auch eine Zeitung mit dem Titel) möchte massierte Füsse, Reis ohne scharfen Curry und dazu ein freundliches Lächeln für nicht mehr als einen Euro. Die tätowierten, übergewichtigen oder blassen und unscheinbaren Touristen führen sich zum Teil auf wie moderne Sklavenhalter und Landbesetzer: sie sind laut, grüssen mit einem *Hello*, lassen ihr Bier stehen und feiern sich auf Fullmoonpartys zum Goa das Hirn aus der Schädeldecke. Die Thais, die in der Tourismusbranche arbeiten, hingegen sind aufrdinglich und respektieren selten ein *No*, jede Freundlichkeit ist mit der Anschlussfrage nach Hotel und Weiterreise verbunden; andererseits reden sie kaum über Kultur, Politik oder Privates und tiefergehende Fragen werden mit einem Lächeln oder Schweigen abgewehrt. Zwischen diesen beiden Seiten ist eine Art parasitäres Verhältnis entstanden, welches auf Gegenseitigkeit beruht und daher, betrachtet man das Ganze auf rationale Weise, zu einem Zustand der Gleichberechtigung geführt hat – das Land des Laechelns konnte sein Laecheln industrialisieren, der Tourist nimmt ihm diese reine Marktware dankbar ab und haelt es in seinem Fotoalbum mit der Ueberschrift Authentizitaet fest. Diejenigen aber, die ein durchaus ernsthaftes Interesse an den geografischen und sozialen Befindlichkeiten Thailands haben, sind beidseitig Ausgestossene – weder fuer den Durchschnitt der Touristen, noch fuer den Tourismus als solchen existent, da sie sich in keines der jeweils geltenden Regelsysteme eingegliedert haben.

Wir versuchen, viele Strecken selbstorganisiert, das heist per Fuss oder normalen Bussen und nicht ueber die Booking-Touren, zu meistern, stehen wir dann mit der Karte etwas ratlos an der Kreuzung, wird uns manchmal nur eine wage Richtung gezeigt, oder man will uns zu einem Taxi ueberreden. Das liegt zum einen an den Sprachbarrieren, denn es sprechen nur wenige Thais ein ausreichendes Englisch, zum anderen aber auch an der Abneigung, die man gegenueber Auslaendern hat, die in das Land reisen und vor allem nach Preisen und Frauen fragen. Hingegen werden Touristen meistens mit anderen Kosten bedacht; es gibt Touren, die nicht stattfinden oder schlecht organisiert sind – kennt man sich in Thailand nicht aus, tritt man am Anfang immer in die gleichen Stolperfallen. Wer hier also Wirt und wer Parasit ist, ist nicht mehr die Frage, das heisst, weil der eine stets auch das andere ist, steht am Ende nur die Negation.   

 

 

Religion

Will man Thailand verstehen, muss man sich mit den Prinzipien von Religion auseinandersetzen, wenn schon nicht mit der Lehre Buddhas, so doch wenigstens mit der kulturellen Entaeusserung des Glaubens. Der Buddhismus ist fuer die meisten Menschen in Thailand keine Religion, sondern Teil ihres Alltags, das beginnt schon mit den taeglichen Opfergaben, zeigt sich in der Fuelle von Moenchen, die jederzeit im Stadtbild praesent sind, ebenso wie in den goldenen Tempelanlagen, die wirklich jede Stadt in mehrfacher Ausfuehrung aufweisen kann. Also besichtigen wir den Golden Mount, das religioese Zentrum der thailaendischen Buddhisten, welches sich als gigantische, goldene Glocke (genannt Chedi) auf einem Berg praesentiert; in Stein gehauene Treppenstufen fuehren vorbei an unzaehligen Glocken, auf die man mit einem Holzstock schlaegt, Seerosenbecken und Statuen. Die Buddhisten unterscheiden sich von Land zu Land stark, in Thailand beispielsweise spielt der Dalai Lama keine Rolle, dafuer sind viele indische und chinesische Einfluesse in den Buddha-Darstellungen zu erkennen, so besitzt jede Tempelanlage noch einen kleinen chinesischen Anbau; auch durchmischen sich Buddhismus und Animismus zuweilen. Aus Lautsprechern erklingt die rhythmische Stimme eines Moenches (es wird zweimal am Tag oeffentlich gelesen), die Menschen tragen Blumen und Rauerchstaebchen zu einem Altar mit Buddha-Statue, gehen auf die Knie, verneigen sich dreimal und streifen dann mit ihren Haenden ueber ihr Haupt – diese Geste bezieht sich auf die Flammen des Geistes, die aus dem Scheitelmittelpunkt in die Hoehe schiessen - das laesst sich an einigen Buddha-Statuen nachvollziehen und begruendet auch, warum man Thais nicht auf den Kopf fassen sollte, da sonst ihre Flamme erlischt. Obwohl alles zeremoniell geregelt wirkt, wobei wir die Regeln nicht verstehen und uns daher im Hintergrund aufhalten, ist die allgemeine Atmosphaere weder steif noch bedrueckend, wie ich es aus den Manifestationen der christlichen Kirche gewohnt bin.    

 

Nachdem wir uns auf einem Markt verlaufen haben, auf dem Insekten, Schweinskoepfe und Fische verkauft werden und alles nach Blut und Hund riecht; was nicht verwunderlich ist, da Hunde fast die selbe Populationsgroesse erreicht habe wie die Menschen in dieser Stadt und sich von dem ernaehren, was ihnen der Markt uebriglaesst und vermutlich auch hier gebaeren; geraten wir ausversehen auf eine Rothemden-Demonstration: Eine abgesperrte Krezung, etliche Polizisten, wenige Rothemden auf Mopeds und abweisende Gesten, als ich frage, ob die Demonstration schon aufgeloest wurde. Und ploetzlich ist man mitten drin, in der Realpolitik.

 

11.10. 2010 Ortswechsel

Anstatt vom Disco-Laerm der Khao San Road, von schreienden Kindern oder Holzsaegen werde ich nun vom Katzenjammer geweckt, was sich vermutlich aehnlich brutal anhoert wie ein Massenmord an Fredchen. Unsere Vorfreude auf einen guten Kaffee broeckelt, als wir eine braune Sosse trinken, die wie ein flüssig gewordener Alptraum schmeckt – Kaffeetrinken gehoert ebenso wie das Rauchen nicht unbedingt zu den alltaeglichen Uebungen der Thailaender. Wir setzen uns also, leicht unbefriedigt, in den Zug nach Ayuttahya, der zwar mit aehnlichen Verspaetungen wie die Deutsche Bahn aufwarten kann, dafuer einen hervorragenden Sevice besitzt: Alle zwei Minuten kommen Verkaeufer durch das Abteil und bieten gebratenen Reis, Fruechte und Getränke an (Das schafft die DB nie!).

 

 

Kurzgeschichte

Ayuttahya ist eine Kleinstadt und liegt als Insel zwischen zwei Fluessen – das Besondere an der Stadt ist nicht nur, dass man sie ueber eine Faehre erreicht, sondern dass sie zu den drei Hauptstaedten des Landes gehoert: Sukhothai ist die älteste Hauptstadt, hier wurde im 13. Jahrhundert das erste Königreich von Thailand gegründet, parallel dazu entstand ein anderes, mächtiges Reich rund um Ayuttahya, welches zur sogenannten Siam-Nation anwuchs und regen Handel mit China betrieb (was die Beziehungen zwischen Thailand und seinen Nachbarländern erklärt, die bis heute bestehen); im 18. Jahrhundert fiel das Reich im Krieg gegen Birma (heutiges Myanmar) und die Königsfamilie floh nach Bangkok, um dort ein neues Reich zu gruenden. Diese Geschichte erklaert, warum in all diesen Städten zahlreiche Tempelanlagen und Königspaläste zu finden sind.

In Ayuttahya leisten wir uns einen Bootstrip zu diesen Sehenswuerdigkeiten, bereuen es aber bald wieder, da man die Touristen wie eine Viehherde in die Ruinen draengt, damit sie dort noch einmal Eintritt bezahlen, ohne Erklärung herumlaufen und nach exakt 20 Minuten wieder verschwinden müssen – in einem weiteren Tempel wird gerade eine fulminante Buddha-Statue mit einem orangenen Stoff eingehüllt, der dann plötzlich auf die Betenden heruntergeworfen und dann, nachdem sich alle kurz in den Stoff gehüllt haben, wieder aufgerollt wird – eine weitere Zeremonie, die ich nicht verstehe und mir bleibt nichts anderes übrig, als meinem neuen Hobby nachzugehen: Mönche in allen Lebenslagen zu fotografieren, was teilweise recht schwieirg ist, da man als Frau Mönche weder anfassen noch anschauen darf, das ist unrein. Die Bootstour sorgt, wenn auch kurzfristig, für beeindruckende Postkartenansichten, das Ufer ist vollgebaut mit windschiefen Hütten, davor drängeln sich rostige Frachter und imposante Holzschiffe, zwischen dem Schilf baden zwei Kinder im alten Oel.

An einem Strassenstand, den ich als Apotheke identifiziere, kaufe ich mir einige Salben gegen Moskitostiche, derer ich zahlreiche habe, und eine Dose mit Gewürzen, an der man riechen kann – das ist eine seltsame, aber bei dem Gestank sehr nachvollziehbare Angewohnheit fast aller Thais, da sie stets ein Nasenspray zur Hand haben oder es gleich in der Nase stecken lassen. Zum Einschlafen kaufen wir uns noch zwei Bier, die verdammt teuer sind und nach Wasser schmecken – ich lächle selbst über meine antrainierte Preis-Leistungs-Mythologie und lausche dem Schnurren der Geckos nach.

 

Das Soziale, das Politische

Die Europaer haben sich im Laufe ihrer Entwicklung auf die Schaffung von Ordnungs- und Herrschaftssystemen spezialisiert – und die Deutschen haben es darin zu einer wahren Meisterschaft gebracht – das Organisieren und Abzirkeln von moeglichst vielen Leben auf moeglichst engem Raum ist sozusagen die olympische Disziplin unter den Gesellschaftsfragen. Waehrend man in deutschen Großstaedten hinter den Tueren anonymer Geschaefte verschwindet, um dann von ihnen, nicht unbedingt gluecklicher, dafuer aber beladener, wieder ausgespuckt zu werden, alles im Sinne der praktischen und effektiven Abwicklung von Wegen und Beduerfnissen (Gleiches gilt fuer den Stadtverkehr, fuer oeffentliche Einrichtungen und Parkanlagen), gehen in Thailand Wirtschaft, Politisches und Soziales eine wundersame Symbiose ein. Das Leben findet ausschliesslich auf der Strasse statt und besteht aus Verhandeln und Small Talk; indem Preise abgeglichen werden, kommt man nebenbei noch auf seine Familien zu sprechen – dadurch wird dem Verkaufsgespraech der rationale Charakter genommen und dem Alltagsgerede die Banalitaet. Das Politische hingegen praesentiert sich nicht allein in Form von medial gefuerhrten Debatten, sondern ist Teil eines in den Alltag eingegangenen Personenkultes um das Koenigspaar, der neben den buddhistischen Relikten einen aehnlich symbolischen Stellenwert hat (es ist beispielsweise verboten, auf eine Muenze zu treten, da der Koenig darauf abgebildet ist). Auf den ersten Blick wirkt Bangkok wie eine Selbstverwaltung, da auch die Polizei in das Strassenleben integriert wurde, so steht ein Beamter durchaus neben dem Shop, in dem man gefaelschte Paesse kaufen kann und unterhealt sich mit dem Inhaber – natuerlich gibt es auch eine Mafia, die sich erbitterte Revierkaempfe mit Drogenhaendlern aus Russland liefert (ein Mann hat mir erzaehlt, dass einer, der zu laut ueber die Mafia gesprochen hat, ermordert, zerstueckelt und im Meer verteilt wurde – diese Prozedur nennt man *going shipping*), aber ueber diese Strukturen ist in der Oeffentlichkeit wenig bekannt.

 

Das Soziale ist mit dem taeglichen Zwang, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, verbunden – die meisten Thais sind selbststaendig, das heisst, sie haben sich nicht der Lohnarbeit uebergeben, die von den Europaern haeufig als bedauerliches, aber nicht abzuwendendes Uebel (da keine Alternative sichtbar ist) hingenommen wird. Das Unternehmen der Thais basiert auf einer wohl ueberlegten Geschaeftsidee, die aus der Notwendigkeit der gesellschaftlichen Strukturen resultiert (wenn mehr Touristen kommen, muss es mehr Hotels geben) – erst wenn ein Beduerfnis sichtbar ist, wird eine Loesung dafuer gefunden – ein recht rationaler Wirtschaftsprozess, jedoch ist die Arbeit selbst nicht den Entfremdungsprozessen und –gefuehlen rationalisierter Fabriktaetigkeit unterworfen. Es wird also nur das bereitgestellt, was gebraucht wird und nur hergestellt, was konsumiert wird. So umgeht man Probleme des Produktionsueberschusses, des Konkurrenzdrucks, der Manipulation durch die Schaffung kuenstlicher Beduerfnisse (das erklaert auch, warum der Preis des gleichen Produktes zwischen den Haendlern nur unwesentlich schwankt) und alle anderen Krebsgeschwuere des Kapitalismus. Es gibt erste Versuche zur Schaffung eines artifiziellen Mehrwerts von Produkten, beispielsweise Rabattsysteme und Inklusiv-Angebote, aber sie bleiben in grossen Teilen Thailands, trotz der Tourismuswelle, zaghafte und uebersehbare Versuche.

Um diese Idee zu verwirklichen muss man keine langen Bildungs- und Ausbildungsverfahren und deren Selektionsstufen durchlaufen. Der Arbeitsmarkt von Thailand ist mit folgendem Satz zusammen zu fassen: Niemand hat Architektur studiert, aber jeder kann ein Haus bauen. In diese Geschaeftsidee werden dann alle sozialen Kontakte integriert; das heisst, auch andere Menschen profitieren davon. Das System bleibt dabei flexibler als schwerfaellige Konsummaschinerien, da Anpassungsprozesse nur wenige Ressourcen und Zeiteinheiten in Anspruch nehmen – das ist der Grund, warum es solche Neuerungen wie Fruehstueck, Kaffee und Brot ueberhaupt hier her geschafft haben. Thailaender sind, so mein Eindruck, von Arbeit nahezu besessen, die Meisten haben mehrere Jobs bzw. mehrere Geschaefte, die sie im Zusammenschluss mit Familie und Bekannten betreiben. Ein Beispiel: Steigst du bei einem Taxifahrer ein, wird er dich fragen, wo du uebernachtest, wenn du es noch nicht weisst, wird er dich zum Guesthouse seiner Frau bringen, die dazu noch ein Restaurant besitzt, in dem du von seiner Tochter bedient wirst, danach besuchst du das Internetcafe eines Freundes -  am Ende steht also ein grosses Netzwerk aus Vermittlungen und gegenseitigen Gefaelligkeiten. Ich weiss nicht, ob es hier Arbeitsvermittlungsagenturen gibt, feste Arbeitszeiten, Feiertagszuschlaege oder Gewerkschaftsverhandlungen, aber das ist auch gleichgueltig, denn es funktioniert. Ab 6 Uhr wird gehaemmert, gebohrt, Staende aufgebaut, Essen gekocht und Moped gefahren –  erst wenn der Monsunregen einsetzt und fuer einige Minuten tobt wie ein ungebaendigtes Tier, halten die Thais inne, stellen sich unter eine Plane und warten. Das gleichmeasige Treiben endet gegen 21 Uhr, wenn die Strassenkehrer den Muell einsammeln und alles vorbereiten fuer den naechsten Tag.

Man kann sagen, die Arbeit ist das Soziale (und vielleicht auch das Politische), da sich diese Bereiche vollkommen durchdrungen haben. Auf diese Weise entfallen auch alle anderen Trennungslinien des Alltags, beispielsweise die Trennung von Arbeits- und Freizeit, denn: befindet sich kein Kunde im Geschaeft, schaut die Familie zusammen fern, man isst und unterhaelt sich.

 

Das Soziale findet des Weiteren ueber das Essen statt – Thailaender haben unglaublich viele kurze Mahlzeiten, die meistens bestehen daraus, sich in Gruppen um einen Stand zu versammeln, kleine Haeppchen zu sich zu nehmen und dabei zu reden – die klassischen Mahlzeiten und Portionen Europas sind hier nicht zu finden, dafuer Schalen mit getrockneten Pilzen, Teigwaren, frittiertem Huhn, candierten Fruechten und eingelegten Meerestieren. Traut man sich auf die verschiedenen Maerkte der Stadt, wird man Dinge sehen und riechen, von denen man nicht mal eine Ahnung hatte und selbst nach einem zoegerlichen Kosten nicht weiss, was es eigentlich gewesen ist. In jeder Stadt gibt es einen Nachtmarkt, hier findet der Verkauf von groesseren Waren wie Schweinshaelften oder Tonnen an Fisch statt und einen Tagesmarkt, der verarbeitete Produkte anbietet – auf diesen Maerkten sieht man nur selten Touristen, was nicht zuletzt auf den teilweise beissenden Geruch nach altem Blut und Tauben zurueckzufuehren ist – dafuer kostet das Essen nur ein paar Cents und ist so gut wie jedes andere auch.

 

Thailand ist ein Koenigreich, es besitzt also eine Monarchie, aber auch ein Parlament – diese Demokratisierungsversuche haben nach dem zweiten Weltkrieg eingesetzt, wurden aber immer wieder vom Kampf zwischen Millitaer und Parlament unterwandert. 2006 war der letzte Millitaerputsch gegen den Ministerpraesidenten Thaksin, was die Thailaender insgeheim begruesst haben, da Thaksin als korrupter Scheindemokart in die Geschichte eingegangen war. Das Koenigspaar ist, trotz aller politischen Unruhen, die es rund um die letzten Wahlen gegeben hat, absolut unantastbar – das Bild des Koenigs (uebrigens das am laengsten amtierende Staatsoberhaupt der Welt) ist in jeder Stadt zu sehen, sei es als monumentales Fresko am Eingangstor, oder als Plakat an der Strasse; jede Wohnung, jeder Laden, jede Geldnote traegt sein Gesicht. Jedoch habe ich von einem Einheimischen erfahren, dass es im Zusammenhang mit einer Demonstration der Redshirts dazu gekommen ist, dass das Bild vom Koenig abgehaengt wurde – das ist aber eine vollkommene Ausnahme. Selbst heute, da sich die politischen Kraefte fuer eine erneute Wahl formieren und Zeitschriften mit dem Titel *Red Power* heimlich ausgelegt werden, wird es niemanden geben, der die Monarchie ernsthaft in Frage stellt. Man sollte an dieser Stelle erwaehnen, dass der normale Tourist und selbst der Thailaender aus der Kleinstadt von all dem nicht viel mitbekommt – Zentrum der meisten Auseinandersetzungen ist und bleibt Bangkok, wobei die entsprechenden Stadtteile von der Polizei sofort abgeriegelt werden.

Als ein weiteres politisches Problem sind die Austaende islamistischer Separatistengruppen (PULO und GMP) zu betrachten, die sich vor allem im Sueden des Landes nahe der Grenze zu Malaysia etabliert haben und mittels Terroranschlaegen einen eigenen Islam-Thai-Staat fordern – jedoch handelt es sich dabei nicht allein um die Frage der Religion, sondern darum, dass Thailands Geschichte eine Geschichte der zunehmenden und zum Teil erzwungenen Homogenisierung ethnisch sehr unterschiedlicher Bevoelkerungsgruppen ist und die Idee von einem Nationalstaat nach wir vor mit Gewalt seitens der Regierung durchgesetzt wird. Vor kurzem kam es zu mehreren Massakern an den Malay-Muslimen, woraufhin ein buddhistischer Moench auf offener Strasse gekoepft wurde – der innerstaatliche Krieg hat also jetzt erst begonnen.

        

 

12.10. 2010 Nighttrain is coming

Nachdem uns ein Paar aus Frankreich erklärt hatte, dass es günstiger sei, jetzt, da noch kaum Touristen in Thailand sind, in den Süden zu fahren, ändern wir spontan unsere Pläne und nehmen den Nachtzug nach Surat Thani. Die Landschaft im Sueden gleicht eher den Vorstellungen, die man sich vielleicht doch, wenn auch heimlich, vom Paradies gemacht hat: Huetten, die sich mittels einfacher Pfahlkonstruktionen ueber den Sumpfgebieten und Seen halten, umrahmt von maechtigen Palmenblaettern, Farnen, Straeuchern und allerlei Blumenarten, bei deren Anblick man sich doch ein Lexikon oder ein Bilder-Wikipedia wuenscht; im Hintergrund kaempft sich stumm ein Berg aus dem Nebel. Der Rhythmus des Zuges, der wie ein unpassender Gast durch den Dschungel rast, zwingt zur Meditation, eine Mischung aus Bildern und Gedanken und ich frage mich, worin genau der Unterschied zwischen Raum und Zeit liegt, denn beides ist der Relativitaet ausgesetzt – weitere Ueberlgungen zur Quantentheorie lassen mich zwar muede warden, doch leider ist das Zugfenster neben mir kaputt und so verbringe ich 13 Stunden, dem Monsunregen und Fahrtwind ausgesetzt, halb schlafend, halb wachend und bin schon beim Aussteigen erkältet. Am Bahnsteig werden wir sofort von Touristenunternehmen in Beschalg genommen und kaum haben wir über verschiedene Angebote nachdenken koennen, sitzen wir schon in einem Bus in Richtung Don Sak, um von dort aus mit der Fähre nach Koh Phangan zu schippern. Immer noch in klassischer Zombieverfassung wehren wir am Pier die Fragen von Hotelwerbern und Taxifahrern ab, wohin wir gehen wollen, woher wir kommen und überhaupt. Wir wissen zwar nicht, wohin wir gehen wollen, aber wir gehen trotzdem und landen, nach zwei Zwischenmahlzeiten, bei einem Bungalow auf der Anhoehe ueber der Stadt - im Garten scharren Huehner im Staub, ein Hund schnappt sich eins ihrer Kuecken, die beiden betagten Damen, die gerade das Laub harken und hier wohl die Ansprechpartner sind, verstehen kein Englisch – wir wissen also: Das ist der richtige Platz, um seine Ruhe zu finden und weil wir im Dschungel sind, verkriechen sich gleich einmal die Kakerlaken in mein verschwitztes Kleid, kraechzen die Voegel, die Froesche und andere Tiere, die wir, rauchend auf dem Balkon und in die Dunkelheit starrend, nur erahnen koennen. Jetzt habe ich tatsaechlich das Gefuehl, nicht Bereits-Erlebtes zu erleben, was ich als Argument gegen Nietzsches Ewige Wiederholung verwenden koennte, wuerde er noch leben, stattdessen hole ich mir im Seven-Eleven, eine Art Tankstelle, bloss ohne Zapfhahn, aber zumindest an jeder Ecke in wirklich jeder Stadt Thailands zu finden, ein Schokoeis und freu mich erneut darueber.

 

 

14.10. 2010 Im Norden der Insel

Wir sind nun, mit den Rucksaecken im Anschlag, von denen jeder erfahrene Traveller sagen wuerde, dass sie zu schwer fuer lange Touren seien, die einzige Strasse entlanggelaufen, die in den Norden der Insel fuehrt. In Thailand ist es voellig unueblich zu laufen, wirklich jeder und alles faehrt; sobald das Kind gross genug ist, um mit den Fuessen das Pedal zu erreichen, wird er das Moped nicht mehr verlassen. Als aus dem anfaenglich seichten Weg entlang des Meerufers ein steiles Auf und Ab wurde, verstanden wir auch, warum. Wir blieben stur und erklommen in der Mittagshitze, mit knapper werdenden Wasserressourcen, die Berge. Bars im Stile der Reggae-Aera, pompoese Hotelanlagen, Gasolinestationen und Shops befinden sich entlang der Strasse, aber der Kahlschlag reicht mittlerweile tiefer in den Dschungel. Da uns ein alter Thai-Mann auslachte, als wir ihm von unserem Ziel, welches wir zu Fuss erreichen wollten, erzaehlten, gaben wir auf und nahmen ein Taxi, welches uns nach Ao Mae Hat brachte, ein abgelegner und ruhiger Ort; die Bungalows liegen am Meer, sind natuerlich von Palmen umgeben und ab 20 Uhr gehen die Lichter aus. Vor unsere Tuer legte sich einer der streunenden Hunde nieder, die auf Inseln noch zahlreicher, aber liebenswuerdiger sind als in der Stadt, und blieb dort, auch wenn wir ihm kein Essen gaben (Josi hatte es mir verboten, da wir sonst unfreiwillig zu Tierbesitzern geworden waeren und das bringt nur Probleme bei der Ausreise).

Der heutige Tag begann mit einem erneuten Ortswechsel in das naechste Ressort, in dem wir wieder, neben Hunden, Katzen und Huehnern, zu den einzigen Gaesten gehoeren. Eine Stunde spaeter stehen wir vor dem Paradis Waterfall und schauen auf rundgespuehlte Felsbrocken, auf die nicht enden wollenden Wassermassen, die ins Tal stuerzen, sich in ein Becken ergiessen, in das sich Kinder von Lianen aus hineinfallen lassen und auf uns, die wir nackt in einer dieser naturbedingten Wasserkuhlen hocken, wie Nymphen oder andere Fabelwesen.

 

18.10. 2010 Die Wildnis holt sich ihre Kinder wieder

Wir waren heute im Dschungel! Was fuer ein seltsamer Satz, was fuer ein aufregender Satz! Aber beginnen wir mit der Geschichte, die vor diesem Satz stattgefunden hat: In Chaloklam lernen wir zufaellig einen Amerikander kennen – ein dicker und redseliger Zeitgenosse, trinkt und raucht viel, in seinem frueheren Leben war er ein Comedian und hat scheinbar genuegend Geld verdient, um sich davon auf der Insel abzusetzen – auf seiner Brust prangt das Bild eines ehemaligen Koenigs von Thailand, der sich fuer den Slogan *Thailand fuer Thailaender* stark gemacht hat; ein, wie der Amerikaner findet, unterstuetzenswertes Projekt, wobei mir nicht klar ist, ob er dabei ebenso sich und die indigenen Volksgruppen einschliesst – vermutlich hat er eine kulturelle Psychose aus seinem Heimatland importiert. Wir nehmen seine Einladung, ihn in seinem Haus im Dschungel zu besuchen, freudig an und holen unsere Trekkingausruestung, die eigentlich nur aus einem Paar fester Schuhe besteht. Zunaechst bringt er uns in die hiesige Tempelanlage, in der circa 8 Moenche leben und meditieren – als der Amerikaner auf Thai, welches bei ihm klingt wie das amerikanische Englisch, mit dem Tempelvorsteher spricht, halten wir uns verlegen im Hintergrund, schliesslich waren wir Moenchen noch nie so nahe gewesen – jedoch erfahren wir bei der Gelegenheit, dass wir durchaus mit ihnen reden und ihnen in die Augen schauen duerfen. Endlich bekommen wir unsere erste Einfuehrung in die Regeln und Symbole buddhistischer Orte und mit leicht verzuecktem Grinsen beobachten wir den Amerikaner, wie er sich vor eine Statue nierderkniet, sich dreimal verbeugt, ein Raeucherstaebchen anzuendet und danach einen Joint – dabei erklaert er, dass der verstorbene Moench, dem zu Ehren er die Rauchschwaden inhaliert, selbst ein Kiffer war und daher kleiner werdende Augen ein Ausdruck der Verbundenheit sind. Nachdem wir auch noch das Krematorium, in dem die Toten verbrannt werden, umrundet haben (Deutsche in einem Krematorium!), klemmen wir uns zu Dritt auf ein Moped und fahren Richtung Dschungel. Es wird mir immer ein Geheimnis bleiben, wie es diese motorisierten Fahrraeder durch ein voellig unwegsames Gelaende mit 20er Steigung und maximalem Schotterkontakt schaffen, aber es funktioniert und dann sitzen wir ploetzlich auf der Veranda des Amerikaners, die Spitze des Berges mit fantastischem Blick auf Insel und Meer zu unseren Fuessen, bewundern seinen Garten voller Ananas, Aloe Vera und Palmen und schluerfen kalten Kaffee dabei. Und weil von all dem noch nicht genug ist, bringt uns ein Einheimischer, der sich der Einfachheit halber *Bo* nennt, durch den Dschungel zu einem abgelegenen Wasserfall. Bei der Gelegenheit kommen unsere Trekkingschuhe zum Einsatz und versagen auf ganzer Linie, denn im Gegensatz zu Bo, der mit seinen Flipflops behaende und nahezu geraeuschlos durch den Wald springt, kommen wir uns vor wie eine polternde und alles niederwaelzende Elefantenherde und selbst die wuesste vermutlich noch, wie man ein Bein vor das andere setzt, ohne alles Lebendige ringsum zu verschrecken. Daher sehen wir auch keine wilden Tiere, abgesehen von den obligatorischen Moskitos, bekommen dafuer aber einen naturellen Overkill, weil hier scheinbar alles waechst, was wir nicht in den drei Stunden Botanik in der Schule gelernt haben: Farne, Straeucher, verschnoerkelte Baeume und den Rest dieser Waldrequisiten. Am Ende dieser Tour wartet ein Wasserfall auf uns, den Fremde kaum zu Gesicht bekommen, so die Legende, und umso vergnueglicher springen wir hinein, verscheuchen ganze Fischschwaerme dabei, die uns nichtsahnend entgegengeblickt hatten.

 

19.10. 2010 Dschungelmedizin

Genauso nichtsahnend schwimme ich in einem mir vertrautem Element, dem Wasser (wobei es schon Unterschiede zwischen Ozean und Ostsee gibt), als ich ploetzlich von einer Art Zitteraal am rechten Arm beruehrt werde, der sofort zu schmerzen beginnt und ich ihn, in einem Anfall von Panik, nach oben halte und laut nach Josi zu rufen beginne, waehrend ich versuche, zum Ufer zu strampeln. Sie bewahrt eine seltsame Ruhe, trotz der einsetzenden Rotfaerbung an einigen Stellen -  also laufen wir zu dem Amerikaner, der uns wiederrum zu einer Gruppe Einheimischer bringt. Nach einer kurzen Lagebesprechung erklaert der Stammesaelteste, ein faltiger und fast zahnloser Mann mit einem wuerdevollen Gesichtsausdruck, dass wir eine bestimmte Pflanze suchen sollen, die nur am Strand waechst – mit dieser Maerchenkomponente im Kopf rennt Josi sofort los, wir glauben uns die Zeit im Nacken. Wahrenddessen nimmt der Alte ein paar gruene Blaetter in seine rauen Fischerhaende, die so harmlos aussehen wie banaler Efeu (nicht mal goldfarben!), zerreibt sie zu einem Brei und legt diesen auf meine brennenden Hautstellen. Er lacht laut auf, als Josi, ausser Atem und leicht verzweifelt die Stirn runzelnd, mit drei lilafarbenen Blumen zurueckkommt – der Zauber ist aufgehoben, das Maerchen ist zuende und nach einigen Tagen ist alles abgeheilt. Da waren wir ploetzlich mittendrin in den Geheimnissen der Dschungelmedizin, die vermutlich sehr alt ist und sich von Region zu Region, je nach Pflanzenwuchs, unterscheidet – nur der Thai-Whisky, mit dem mein Verband aufgefrischt wurde, ist immer der gleiche.

 

 

21.10. 2010 Grenzstadt

Die Fahrt mit dem Minibus Richtung Sueden ist zwar beschwerlich, aber voller landschaftlicher Wunder – die Andamenkueste ist eine anmutige Gebirgsregion mit zum Grossteil unberuehrten Dschungelbestaenden. Entlang des Highways liegen nur wenige Huetten, die Benzin oder Obst verkaufen – sie bestehen zwar nur aus Bambuss und Wellblech, aber drinnen leuchtet stets das Blau des Fernsehers, ein Objekt, das man in Thailand zu Recht einen Alltagsgegenstand nennen kann, denn er laeuft immer und ueberall. Erst jetzt faellt mir auf, dass sich Armut in Thailand kaum und vor allem auf andere Art und Weise zeigt – da jeder ein eigenes Geschaeft betreibt oder mindestens in grosse Familienbestaende integriert ist, ist Armut ein seltenes Phaenomen und die wenigen Armen, die singend ueber den Markt streifen, um sich etwas Geld zu erbetteln, bekommen im Tempel immer einen Schlafplatz und Essen. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, da wir Ranong erreichen – eine trist anmutende Stadt, die sich zwischen Highway, Meer und Dschungel gezwaengt hat, im Norden an Myanmar grenzt und daher eine enorm grosse Polizei- und Millitaerpraesenz aufweist, dafuer keine Touristen. Die Menschen sind distanziert und sprechen zum Grossteil kein Englisch, was unsere Suche nach vegetarischem Essen (Hauptspeisen der Thailaender sind Huehnchen, auf einem Auspuff gegrillt, und eine Art Wurst, die zwischen heissen Rollen ganztags gewendet wird) erschwert. Nun kommt uns das Keine-Woerter-Woerterbuch zu Hilfe, eine Sammlung von Bildern, um sein Anliegen erklaeren zu koennen: wir deuten also auf ein rosafarbenes Schwein und schuetteln dabei mit dem Kopf – es funktioniert, wenn auch unter allgemeinem Gelaechter.

 

Wir leihen uns ein Moped aus und fahren durch die Gegend, besuchen den Nationalpark mit seinem gigantischen Wasserfall, den die Jugend von Ranong dafuer nutzt, auf dem Po entlang zu rutschen (wer bis runter kommt und dabei nicht erwischt wurde, bekommt eine Grillwurst). Spaeter fahren wir noch zu den heissen Quellen, sozusagen ein natuerlich gewachsener Erlebnispark, in dem sich die Familien scharenweise tummeln und suessen Reis kochen.

Am Ende des Tages beschliessen wir dennoch, die Stadt zu verlassen und mit der Faere auf die Insel Ko Phayam zu schippern – der permanente Verkehr und Gestank nach verbrennendem Muell, verkohlendem Fleisch und offener Kanalisation treiben mir die ersten Schmerzen in den Kopf. Obwohl ich gute Lust habe, mit der thailaendischen Regierung, wer auch immer das gerade sein mag, ueber oekologische Nachhaltigkeit oder bezueglich einer Schulbildung, die ueber Lesen, Rechnen und Monarchiegeschichte hinausgeht (die Thais kennen Hitler nicht!!!), zu disskutieren, halte ich mich zurueck – schliesslich berufe ich mich auch nur auf europaeische Massstaebe, die ich selbstironisch daran erkenne, dass wir beim Anblick eines Supermarktes ein Gefuehl der Erleichterung empfinden.

 

 

27.10. 2010 nach der Krankheit

Es hatte mich gestern nun also doch dahingerafft, obwohl wir hier nur Reis mit Gemuese essen, keine Eiswuerfel ins Trinken tun, Strohhalme fuer die Sojamilch verwenden und sogar fuers Zaehneputzen Wasser aus der Flasche benutzen. In der Nacht begannen Bauchkraempfe, Fieber und Schuettelfrost – den restlichen Tag schlief ich und Josi, die gluecklicherweise eine Krankenschwester ist, kuemmerte sich liebevoll um mich, brachte mir alle moeglichen Getraenke, um mich zur mir verekelten Fluessigkeitenaufnahme zu bewegen, sowie Toastbrot, was ich dann doch noch runterwuergte. Ein Arztbesuch wurde uns aufgrund eines ueberfuellten Warteraums vereitelt und wir verbleiben in der Hoffnung, dass es keine Malaria ist. Trotzdessen steigen wir heute in den Zug nach Prachuap Khiri Khan und finden dort ein kleines und billiges Hotel. Auf meiner chronischen Flucht zum Klo lerne ich den alten Italiener Guliano kennen – ein Herr Anfang 70 mit einem zerknitterten Gesicht, wie oft genutztes Pergamentpapier, Landkarte eines aufregenden Lebens, dass er vor allem auf Reisen verbracht hat (nur Russland hat er nie gesehen) und aufgrund dessen er circa 6 Sprachen fliessend und 3 stockend sprechen kann. Wir unterhalten uns also auf Deutsch und er erzaehlt mir von einer Komune auf der griechischen Insel Ithaka (Heimat des Helden Odysseus), die eine Gruppe aus Leipzig gegruendet, die sich aber aufgrund von Streitigkeiten und Desorientierung wieder aufgeloest hatte – auf diese Weise lernte er Deutsch und ist nun der erste Mensch auf unserer Reise, der die Stadt Leipzig zumindest vom Namen her kennt.

 

Spaeter besichtigen wir einen Tempel, der auf einem steilen Berg mitten in der Stadt liegt, der aber nicht mehr von Moenchen bewohnt wird, sondern von einem Affenclan, der (so die Legende) auf einem Busdach in die Stadt gekommen ist und sich bis zur voelligen Unuebersichtlichkeit reproduziert hat – wir steigen also 200 Treppenstufen nach oben, jede Stufe wird von mindestens einem Affen belagert, der uns, sollten wir einen glitzernden Gegenstand oder eine Banane aus der Tasche ziehen, sofort anfallen wuerde – ich rede ihnen mit meiner sanftesten Stimme gut zu und schiesse meine Fotos schnell und aus der Huefte. Als wir uns auf eine Bank setzen, springt uns ein kleines Babyaeffchen auf den Schoss und wir froenen unseren mutteraehnlichen Zaertlichkeitsbekundungen, als ploetzlich die richtige Mutter aus dem Nichts auf Josi stuerzt und ihr in den Arm beissen will, was ihr jedoch nicht gelingt, da in ihrem Maul noch eine Tuete Erdnussflips steckt, die ihr ein Tourist hinterlassen hatte. Wir bekommen Angst und rennen die letzten Treppenstufen nach oben. Der Tempel ist eine ueberwucherte Ruine, in der der andere Teil der Affenbande lebt, an Maiskolben nagt, sich paart und mit leeren Plastikflaschen spielt. Hier also treffen wir auf unsere naechsten Artgenossen und ein wenig neidisch bin ich schon, wie sie da so elegant ueber der Stadt thronen und ein beschauliches (und mit Sicherheit stressfreies) Leben fuehren, und waehrend wir uns an ihrer Existenz abarbeiten, die Evolutionsfrage (und damit die Sinnfrage) stellen, sind wir ihnen widerrum ziemlich egal.

 

 

31.10. 2010 Sodom und Kanchanaburi

Die Stadt liegt zwar nicht am toten Meer und wurde auch nicht von brennenden Feuern heimgesucht, aber sie gleicht, wenn auch erst auf dem zweiten Blick, einer kleinen Lasterhoehle. Kanchanaburi besteht lediglich aus einer Strasse, an der sich Hotels, Restaurants und Bars nebeneinander reihen, als gaebe es keinen weiteren Platz auf Erden, davor stehen vor allem Maenner, die sich selbst zum Klischee erheben: Wohlstandsplautze, zwischen 40 und 60 Jahren alt, tragen Bermudashorts, dazu die Struempfe-und-Sandalen-Kombination, nebst Achselshirt mit Logo und sprechen Englisch mit Oxford-Akzent – was sie aber tatsaechlich alle zu einer Kategorie werden laesst, ist das junge Thaimaedchen, das neben ihnen steht und sich von ihnen den Po betaetscheln laesst. Ich denke: Es ist also wahr, was man in Bangkok nicht mitkommt, ist hier der Alltag der Strasse. Nachdem wir in einem Bungalow am Flussufer, auf dem schwere Tanker schauckeln, eingecheckt haben, tun wir was fuer unser Gewissen und besichtigen das 2-World-War-Museum am Ende der Stadt, an das ein rostiges, altes Schild und ein Eintrag im Fuehrer erinnert. Hier haengen, in willkuerlicher Reihenfolge, Bilder von Hitler, Stalin, japanischen Soldaten (Thailand hatte sich mit Japan in den 40ern mehr oder minder verbuendet, vor allem um selbst Gebiete zu bekommen) und Napoleon, daneben liegen Kriegsrelikte wie Waffen und Bettpfannen – die Ausstellung selbst ist nicht so beeindruckend wie der gesamte Gebaeudekomplex, der im chinesischen Stil gehalten ist und weitere Raeume mit historischen Wandmalereien und Statuen bereitstellt. Am Ausgangtor haengt ein Schild, auf dem junge Thailaender auf ihre Pflicht eingeschworen werden: Kaempfe fuer dein Vaterland, im Notfall gib dein Leben dafuer. Das ist also nicht nur eine deutsche Phrase und Phase...

 

 

2.11. 2010 Liveshow

Was als Expresszug nach Chiang Mai ausgeschrieben war, stellt sich als debile Rumpelkiste heraus, die alle 10 Minuten anhalten muss – das Schauspiel, was sich uns nun bietet, ist dramaturgisch ziemlich ausgereift: Schaffner tritt von rechts auf, fuchtelt wild mit den Armen, ruft etwas in sein Walkitalki, sein Gehilfe kommt aus dem hinteren Buehnenraum, ihm rinnt der Schweiss an den Schlaefen entlang, er traegt einen Hammer, Schaffner: *Motor im Arsch! Los nimm den Hammer!*, Gehilfe: *Aber was koennen wir nur tun...*, Schaffner: *Umkehren koennen wir nicht. Es gibt ja nur ein Gleis hier und dann halten wir die vielen anderen Zuege auf, die hinter uns sind.*, Gehilfe: *Wir muessten den Fahrgaesten Bescheid geben, damit sie sich keine Sorgen machen muessen.*, Schaffner: *Ach Quatsch, das sind eh nur die zwei Auslaender... Die haben auch staendig ihre Fuesse auf den Sitzen, das kann ich gar nicht ausstehen. Los, schmeiss den Hammer einfach in den Motor rein und dann schauen wir mal, was passiert.*, Gehilfe: *Oh du weiser Mann, aber der Hammer koennte schmelzen bei der Hitze.*, Schaffner: *Na dann kuehl einfach den gesamten Zug auf 0 Grad ab. Vielleicht nehmen die Auslaender dann auch ihre Fuesse runter...*, Gehilfe: *Ein genialer Plan. Das wird klappen. Und unsere Verspaetung wird dann vielleicht nur noch 6 Stunden betragen...*

Auf diese Weise kommen wir voellig unterkuehlt und sechs Stunde zu spaet in Lampang heraus, da hier der Motor nun vollkommen aufgibt – irgendein gluecklicher Umstand verschafft uns doch noch einen Anschlusszug nach Chiang Mai und ein Taxi zu unserem naechsten Bungalow.

Chiang Mai gilt als kulturelle Wiege Thailands bzw. des alten Siams, sie gehoert nicht nur zu den Staedten der ersten Stunde, sondern weist die meisten Tempel- und Chedianlagen auf. 

 

 

4.11. 2010 reine Koerpersprache, reiner Klang

Dreistigkeit ist eine Tugend, denn sie bringt einen im Leben zuweilen nicht nur weiter, sondern verschafft unverhoffte Erlebnisse. Bereits gestern hatten wir nach dem sogenannten Nationaltheater von Chiang Mai gesucht, welches sich jedoch als Dramatic Art School herausstellte und weil wir nicht den ganzen Weg umsonst gelaufen sein wollten, fragten wir eine Lehrerin, ob wir uns ein paar Kurse anschauen koennten – sie verwies uns an Mister Bulak und an den morgigen Tag. Und so geschieht es dann auch, heute treffen wir am Eingangstor Mister Bulak, der Englischlehrer der Schule, dessen Englisch jedoch kaum ausreicht, um uns alle Fragen, die wir wild gestikulierend an ihn stellen, zu beantworten. Dennoch bringt er uns mit einem strahlenden Gesichtsausdruck zu seiner Klasse und bittet, wir moegen uns auf Englisch vorstellen, damit die Kinder etwas Praxis haben – ihre Fragen beziehen sich vor allem auf unsere Familie (wie viele Brueder, wie viele Schwestern, was arbeiten die und warum sind da Halbgeschwister...), die wir artig und leicht beschaemt beantworten.

In der Schule lernen mehr als 700 Schueler Grundfaecher wie Thailaendische Geschichte und Mathematik, dazu belegen sie bestimmte Hauptfaecher wie Gesang, Schauspiel, Tanz, Tai Chi und verschiedenste Instrumente – ja, sie tragen Uniformen und ich habe, trotz meiner anerzogenen Abneigung gegen Homogenisierungszwang, nicht den Eindruck, dass ich in einem Zuchthaus gelandet bin. Mister Bulak bringt uns nun in den schuleigenen Theatersaal, in dem eine Probe stattfindet und ich kann kaum noch laufen vor Aufregung.

 

 

Theater

Es wird die Geschichte von Buddha gezeigt - wie er geboren wird: ein junges Maedchen steht hinter einem Tuch, welches andere Maedchen hochhalten, und laechelt; dazu wird traditionelle Thaimusik gespielt und gesungen – wie er heiratet und wie ihm bei einem Spaziergang Armut, Krankheit und Alter begegnen, woraufhin er den Palast verlaesst, um mehr ueber das Leben zu lernen. Der junge Buddha muss den boesen Maechten (hier tanzen die Maedchen einen Verfuehrungstanz und die Knaben mimen gewaltbereite Soldaten) widerstehen und seine eigene Aufgabe finden. Die ganze Geschichte wird mittels Taenzen, Musik und Erzaehler dargestellt, kaum dass auf der Buehne selbst gesprochen wird. Beispielsweise repraesentieren Gruppentaenze einen Zustand (Freude), ein gesellschaftliches Ereignis (Hochzeit) oder eine symbolische Menge (Elend) – die Hauptpersonen stehen zentriert im Buehnenraum, bewegen sich meist langsam und in kleinen, aber vollkommen kontrollierten Gesten, sie werden von den anderen umringt, das heisst, die Geschichte passiert an ihnen. Die Erzaehlung funktioniert also aus dem Zusammenspiel von Bewegung und Klang, wobei dies alles weder ausladend noch pathetisch daherkommen – die Gesichtsmimik wirkt beaengstigend eingefroren und aendert sich nur von Szene zu Szene (meistens wird gelaechelt); waehrend die Haende das lebendigste Element sind, sie verbiegen und drehen sich, sie sind das Medium zwischen Innen und Aussen. Wuerde man auf deutschen Buehnen die Geburt Buddhas darstellen, staende wohl der Geburtsschmerz im Zentrum oder die furchtbaren Umstaende, unter denen die Frau (noch immer die Frau!) dazu gezwungen wird, einen potenziellen Gott zur Welt zu bringen – ich hoer jetzt schon die Sprechtiraden von der Buehnenkanzel – waehrend sich die Darstellung hier einzig und allein auf den Fakt bezieht, dass es ein absolut glorreiches Ereignis ist. Diese Wahrheit und ebenso die Darstellung moegen plakativ oder einfach erscheinen (es werden keine Fragen aufgeworfen!), aber es wird etwas erkennbar, naemlich das reine Handwerk des Erzaehlens.

Die Koerperspannung, die die jungen Darsteller bei wilden Schwertkaempfen aufbringen, verleiht selbst den Akteuren im Hintergrund eine wuerdevolle Ausstrahlung. Normalerweise werden dazu noch Masken (Tiere, Daemonen), prunkvolle Kostueme und Schmuckstuecke getragen, die wir aber erst spaeter in der Requisitenabteilung entdecken und die wohl seit vielen Jahren immer die gleichen sind. Die Proben verlaufen mit Unterbrechungen seitens der Lehrerschaft, wobei kein Regisseur auszumachen ist; jeder Lehrer achtet auf sein Ressort und nimmt hier Korrekturen vor. Es handelt sich um mehrere Geschichten und Szenen, die bei einer grossen Festveranstaltung aufgefuehrt werden sollen, dementsprechend diszipliniert sind die Schueler – wenn sie mit einem Lehrer sprechen, gehen sie auf die Knie, es folgen Verbeugungen und Danksagungen, was sich die Lehrer eher desinteressiert gefallen lassen. Ohne die Erklaerungen von Mister Bulak haetten wir wohl rein gar nichts von diesem Theater oder ihrer Schule verstanden; die kulturellen Codes sind nicht mit den unseren zu vergleichen. Meine Frage, ob auch andere Stuecke gespielt werden, versteht Mister Bulak wohl nicht nur aufgrund seiner Englischkenntnisse nicht; als ich ihm Shakespeare, Schiller und Beckett aufzaehle, schaut er mich verstaendnislos an und erlaeutert mir erneut die Geschichte von Buddha.

 

Diese Geschichte dient der thailaendischen Kultur als Metaerzaehlung (Lyotards Begriff lebt also!), sie reproduziert nicht nur religioese Reliquien, sondern das gesellschaftliche Leben an sich – diese Geschichte ist keine Fiktion, es handelt sich bei ihrer Auffuehrung um die Aktualisierung von Wahrheit (bzw. einer wahren Begebenheit). Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Buddhismus mit Thailand so fest verwachsen ist, dass die Glaubens-Fragen nicht mehr gestellt werden (Bsp.: Gibt es Gott und wenn ja, glaubst du an ihn.), sondern religioese Belange und Alltagspraxis nur noch auf ihre Kompatibilitaet hin abgeglichen werden. Ich frage mich, ob Deutschland (oder wenigstens Europa) diese Metaerzaehlung besitzt und mir faellt lediglich *Faust* ein – der Repraesentant eines fehlgeleiteten Rationalismus, wie er typisch ist fuer unsere Breitengrade, der noch immer glaubt, Wissenschaft koenne das Leben im Allgemeinen und das persoenliche Schicksal im Speziellen erklaeren, vielleicht sogar veraendern, der sein Leben aufgibt, indem er an andere Maechte abtritt. Aber Faust ist Fiktion – das weiss der gebildete und abgeklaerte Theaterbesucher von heute, ihn kann man nicht mehr hinters Licht fuehren, ihm das Spiel fuer Realitaet verkaufen, den Verstand streitig machen, etc. Faust ist ein Artefakt geworden, so tot wie jedes andere auch und vielleicht ist es ja das, was fehlt: Die lebendige Metaerzaehlung.

 

Mister Bulak fuehrt uns anschliessend durch weitere Raeume, in denen gelernt und geuebt wird – ueberall, wo wir auftauchen, kichern die Kinder und probieren ihr weniges Englisch an uns aus. Mister Bulak reicht uns von einem Klassenraum zum naechsten, erneut muessen wir uns vorstellen und fuer die Kamera posieren (besonders lustig findet er es, dass die Sekretaerinnen der Schule kleiner sind als wir und so stehen wir wie die Dorftrottel hinter den zarten Thais, laecheln wenigstens dabei). Auch beim Mittagessen in der Mensa werden alle Thai-Schueler an unseren Tisch geschleift, die wenigstens drei Saetze in der Farang-Sprache sprechen koennen und ich weiss nicht, wem das unangenehmer ist; aber Mister Bulak schaut sichtlich stolz auf seine Exoten und wir tun ihm den Gefallen. In einem weiteren Klassenzimmer werden wir gefragt, warum wir so schoen sind, ich lache, aber das Maedchen meint die Frage ernst und ich versuche es mit einem *Because of my mother.*. Dann springen die Schueler auf, singen und tanzen uns erneut einen Reigen vor (er heisst *Tanz der schauenden Frauen*, es geht also darum, dass sich ein Prinz eine Dame erwaehlen soll); danach fordert man uns auf, ebenfalls zu singen – wieder entsteht diese peinliche Stille, als wir erklaeren, dass wir weder tanzen noch singen koennen und vermutlich kommen wir den Kindern jetzt unglaublich ungebildet und armselig vor. Josi rettet die Situation, schnappt sich die Gitarre und spielt ein zoegerliches *the best*, man gibt sich damit zufrieden, alle lachen, ein letztes Klassenfoto mit den Farangs wird geschossen und wir verabreden uns fuer den naechsten Tag. Wir nehmen dankend an und weil wir glauben, noch nicht genug fuer unsere kulturelle Bildung getan zu haben, bezahlen wir unglaublich viel Geld fuer eine sogenannte Kantoke-Auffuehrung.

 

Sklaverei

Das Kantoke ist eine Art Dinner mit Liveshow – wir betreten ein Freilufttheater mit Sitzgelegenheiten und einer freiliegenden Buehne in der Mitte. Kaum sind wir angekommen, kriecht ein Kellner auf Knien zu uns und will unsere Bestellung aufnehmen, was mich sofort befremdet, denn ich hasse selbst die halbherzigen Dienstleistungsversuche in Deutschland. Wir essen Gemuese, Klebreis und Tofu aus kleinen Schalen, trinken (aufgrund von Sparsamkeit) nur Wasser und beobachten, wie gut diese Touristenmaschine mal wieder funktioniert. Die Show beginnt: Taenzerinnen in aufwendigen Kostuemen, mit langen Fingernaegeln und goldenem Kopfschmuck treten auf, es folgen Messertaenzer, Taenzer in Trachten und Kinder, die mit Bambusstoecken spielen – umringt von europaeischen Touristen in beigefarbenen Shorts, die ihren entweder verstaendnislosen oder erotisierten Gesichtsausdruck kaum verbergen koennen, die Cam willkuerlich auf die bewegten Ausstellungsstuecke gerichtet – ich komme mir bloed vor, weil ich ebenfalls nichts von all dem verstehe und dennoch Fotos mache. Das Buffet wird sofort weggeraeumt, Getraenke werden abkassiert und die Menge wird durch ein Spalier aus Verkaufsstaenden in eine Huette gedraengt, wo uns der zweite Teil der Show erwartet: Ganze Familien werden, in Trachten unterschiedlicher, asiatischer oder indigener Voelker gekleidet, auf die Buehen gedraengt – in der Mitte steht ein Haufen aus Feuerholz, um den die Gepeinigten tanzen, dabei in die Haende klatschen oder Instrumente rausholen; das alles geschieht mit gelangweilten bis gequaelten Gesichtern und wird oft fruehzeitig abgebrochen. Spaetestens an dieser Stelle muss ich mein Gweissen befragen, ob ich das alles noch fuer Gut heissen kann, bzw. ob ich mich hier gerade ebenfalls an der Ausbeutung, und damit vielleicht auch an der Zerstoerung von Kulturen beteilige.

 

7.11. 2010 Letzte Station

Nach einigen Stunden Busfahrt von Mae Sai, ueber Chiang Mai, bis nach Pai, die uns durch die beeindruckende Berg- und Dschungellandschaft des Nordens fuehrt - alles lebt, der Nebel schiebt sich zwischen den Haengen Efeu ueberwucherter Baumwellen, Gelb und Lila wachsen hier gleichmaessig und das ohne Zuechtigung – nach der letzten Serpentine gleitet der Bus in das Tal und Pai liegt vor uns, nimmt uns auf wie Paradiese dies ueblicherweise tun. Es ist eine kleine Stadt, deren Ressorts, Elefantenfarmen und Reisfelder noch weit in die Wildnis reichen – zwei Strassen gerademal, die kaum befahren sind, dafuer voller Menschen aus der ganzen Welt, die an den Staenden der Birmesen, Chinesen und Bergvoelker stehenbleiben, Shirts mit Pai-Logo kaufen, weite Hosen oder einen Roti (eine Art Fladen mit Ei und Banane) – an jeder Ecke, in jeder Bar wird musiziert, wenn es nicht die Schulband ist, die auf exotischen Instrumenten den Takt zu halten versucht, so nimmt sich der Polizist die Klampfe und singt noch in seiner Uniform (er ist eine echte Beruehmtheit hier) oder ziehen die Jazzbands von einer Jamsession zur naechsten. Bei einer Strassenkueche infiltrieren wir uns eine furchtbar nahrhafte Nudel-Suppe (Bruehe, Nudeln, Sprossen, Chilli, Zucker und Erdnuesse), blaettern in dem offenliegenden Magazin Red Power, was vielleicht etwas ueber die politische Einstellung der Einwohner hier aussagt, und gehen anschliessend in das Freibad, um kontemplativ im Bahnenziehen zu versinken. Ein Thai-Mann mit Rastas fragt mich lachend, was fuer mich der Sinn des Lebens ist und ich entgegne ihm mit einem Blick in den Himmel *Sich in die Geschichte einschreiben.* Ich weiss nicht, ob er das verstanden hat, dafuer laed er uns zu seinem Konzert heute Abend ein

10.11. 2010 Wildnis-Index

Heute morgen brechen wir mit Sojamilch im Magen, da Fruehstueck hier nur aus Haehnchen bestehen wuerde, auf, um den beruechtigten Fussmarsch zum Wasserfall zu bewaeltigen. Die Wegbeschreibung ist einfach: Folgt dem Fluss – was wir auch tun und wie klassische Touristen Bambusshuetten mit detailiert eingerichteten Gartenanlagen, Bauern mit Strohhueten, die sich dem Feld entgegenarbeiten und echte Bananenstauden bewundern. Wenn es keinen Weg mehr gibt, waten wir durch den Fluss und naehern uns einer kaum besiedelten, dafuer dicht bewachsenen Gegend, laufen mitten rein in den Dschungel - dort treffen wir auf ein Paar aus London, die noch immer jedesmal ihre Schuhe ausziehen, wenn sie den Fluss ueberqueren muessen, aber auch sie lassen diesen Aufwand fahren, da aus dem Weg bald nur noch Fluss und sehr selten ein kleiner, kaum als solcher zu identifizierender Trampelpfad wird. Vorsichtig tasten sich meine Fuesse ueber Steingeroell, suchen meine Haende nach Halt an Felsvorspruengen, Wurzeln und morschen Lianen, die sich ebenso an die Uferboeschung krallen, blicke ich den Spuren entgegen, die auf die Moeglichkeit des Weiterkommens schliessen lassen koennten – wenn wir nicht ueber zerfurchte Schwergewichte springen, klettern wir an ihnen entlang, unbeholfen wie junge Hunde und denkbar schlecht vorbereitet, so ohne Essen und Trekkingkram. Vor uns taucht immer wieder der Ruecken eines Jaegers auf, der sein Gewehr locker geschultert traegt, trotz der Wildnis Flipflops traegt (oder gerade deswegen) und mit ihnen wesentlich leiser ist als wir, wenn er sich langsam, aber bestaendig durch den Parkour aus Baeumen und Wasser fortbewegt. Nach einer Weile, da wir hinter ihm her stolpern und laermen zwischen den Maechtigen des Waldes, bittet er uns mit einer nett gemeinten Geste, wir sollen doch bitte vor ihm laufen – vermutlich haben wir ihm jegliches Wild im Umkreis von 2 Kilometern vertrieben – was uns ja nur zugute kommen kann. Die Sonne faellt in langen Strahlen schraeg durch das Laubwerk (bei Dostojewski wuerden wir nun auf den Boden fallen und eine Gotteserscheinung haben), darin schwimmen Schmetterlinge im Reigen, gross wie halbe Haende waren sie und schoen – dahinter und ebenso steil ragen tiefe Schneissen in den Berg, verraten Erdrutsche und kurzzeitig versiegte Wassermassen, hinterliessen nichts als zerklueftetes Gestein und den Eindruck von Naturgewalt, wobei Natur zwar gewaltig, niemals aber gewalttaetig ist. Wir gelangen an Stellen, die nur noch aus reinem Fels und Fluss bestehen und doch bahnen sich das, was man Sinne nennen koennte, einen Weg – der Weg besteht letztlich aus unseren Schritten selbst und wird in dieser Weise nicht mehr zu beschreiten sein (nein, ich bestehe hier gar nicht auf Allmachtsgefuehle). Nach jeder Biegung riecht das Gestein anders, modrig und manchmal nach wildem Tier – wir sind allein – nach den ersten Zweifeln, ob es diesen Wasserfall tatsaechlich gibt, treffen wir ein Paar aus Frankreich, die uns die Formel *10 Minuten* mit auf den Weg geben. Sie wirkt und wir erreichen einen Wasserfall, fuer den sich die Strapazen, wie auch immer er nun aussehen mag, gelohnt haben – auf einem kleinen Strandstueck hat jemand ein Peace-Zeichen aus Steinen gelegt, wir lachen und fuehlen uns zurueckgeholt in die Zivilisation. Eine Zigarette und zwei Bananen spaeter befinden wir uns wieder auf dem Rueckweg, fuer den wir fast eine Stunde weniger brauchen, der uns aber dennoch genauso unbekannt und aufregend vorkommt wie zuvor. Unsere Fuesse sind wund und aufgeweicht, unsere Gesichter ebenso gezeichnet vom Laecheln.

 

12.11. 2010 Ungeplantes

Mal wieder beweisen wir uns das Abhandenkommen jeglichen Planungsbewusstseins, indem wir uns ein Moped leihen und ohne Karte, noch Essen, dafuer mit halbem Tank Richtung Mae Hong Son losstuerzen. Nach 20 Minuten Fahrt auf kurvenreichem Asphalt in der Beinah-Senkrechten stellen wir verwundert fest, dass unser Tank bereits leer ist und dass nicht alle zwei Kilometer eine Aral im Strassengraben auftaucht. Ich weiss nicht, ob es ein thailaendischer Schutzengel ist, oder er sich schon in Leipzig an unsere Fersen geheftet hat, auf jeden Fall treffen wir auf eine Reisegruppe aus Stuttgart, die uns eine kostenlose Tankfuellung zukommen laesst – bei so viel Rettung-in-letzter-Minute-Pathos ueberhoere ich, als wir erwaehnen, woher wir kommen, ihr gelachtes *Achso, aus Dunkeldeutschland.* und fange keine Diskussion zum Thema innerdeutscher Rassismus an. Als uns dann auch noch ein kleiner Thai-Knabe unverhofft den Mopedschluessel in die Hand drueckt, den Josi verloren hatte, beschliesse ich endgueltig, ein Huhn fuer diesen ominoesen Schutzengel zu opfern. In Mae Hong Son angekommen, muessen wir erneut unsere kognitiven Systeme abstrafen, da es zu spaet ist fuer jegliche Formen von Sightseeing – es wird bald dunkel, vor uns liegen einige Stunden Fahrt und wir haben, abgesehen von unserem Sommeroutfit, keine Gegestaende bei uns, die meist aus Baumwolle bestehen und warm halten koennten – die Zeit draengt, wenn wir nicht erfrieren wollen.

 

4 Stunden spaeter...

 

Wir sind leider auf dem Moped erfroren – ich schreibe euch nun von einem weit entfernten Ort, an dem ihr mich leider nicht mehr erreichen koennt (an dieser Stelle moechte ich meinen Bruder noch mal darum bitten, mein Fahrrad in den Keller zu stellen, damit es waehrend des Winters nicht in der Kaelte stehen muss). Es war dunkel und kalt, alle unsere Gliedmassen meldeten in immer kuerzer werdenden Abstaenden den Unterkuehlungsstand, meine taubgewordenen Finger klammerten sich an den Sitz, der Rest meines blau angelaufenen Koerpers presste sich an Josi, die schweigend und beharrlich die Serpentinen entlangfuhr, leise fluchend, wenn der Gegenverkehr sein Aufblendlicht nicht runternahm und ich fragte mich, ob wir nicht planen wollen, weil wir es nicht koennen, oder weil uns die reine Planung auch die Abenteuer vorenthalten wuerde. Waehrend ich die Vor- und Nachteile von Pragmatismus eroertere, entschlafen wir friedlich, ohne dass wir mitbekommen, was passiert, auf dem Moped sitzend – wir glauben uns die bunten Lichter von Pai, die Stadt, in der wir unsere letzten Tage in Thailand verbringen wollen, meist am Pool sitzend, mit Menschen redend, Konzerte besuchend, ueber uns lachend – so viel Planung ist ausreichend.

 

       

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