Reisebericht - Übersicht
7.Mär.2013

Mit der Eisenbahn nach Lappland

Tagcompaniet Stockholm ab 21:12 - Boden an 11:17
Tagcompaniet Boden ab 11:28 - Abisko an 15:39

Einen Tag haben wir zur Verfügung, um Stockholm zu besichtigen, am Abend wollen wir mit dem Nachtzug nach Lappland weiterfahren. Wir stellen unser Gepäck im Hotel unter und kehren zuerst einmal zum Zentralbahnhof zurück. Wird alles klappen mit der Weiterfahrt? In Ruhe sehen wir uns die große Halle an. In einem abgetrennten Bereich finden wir die Fahrkartenschalter. Nur eine Person steht vor uns, wir stellen uns an. Schon sind wir dran. „Haben Sie eine Nummer?“ fragt der Schalterbeamte. Wie, was? Oh, wir müssen eine Nummer ziehen! Tatsächlich, draußen stehen Automaten dafür. Deshalb ist es so leer, die Wartenden verteilen sich und nähern sich erst, wenn ihre Nummer an einem der Schalter aufleuchtet. Also schön, wir ziehen eine Nummer und warten. Endlich sind wir dran: „Können Sie uns Informationen zu dem Zug nach Narvik heute Abend geben?“ „Narvik? Das ist Ausland. Da müssen Sie zum Auslandsschalter!“ Wie das? Ich zeige die vorschriftsmäßig gezogene Nummer vor. „Die ist blau, also national. International ist rot!“ erwidert der Schalterbeamte. Also gehen wir noch einmal nach draußen und tatsächlich gibt es verschieden farbige Nummern-Automaten. Wieder warten wir und endlich sind wir am internationalen Schalter an der Reihe. Nach Abisko? Das sei keine schwedische Staatseisenbahnlinie, sondern eine private, deren Schalter sei irgendwo anders in der Halle. Und der Bus von Narvik nach Fauske? Kann man für den Fahrkarten kaufen? Nein, darüber weiß man hier schon gar nichts. Das sehe ich sogar ein, schließlich ist das eine rein norwegische Linie. Die Busfahrkarte Wien-Klagenfurt könnte ich in Hamburg sicher auch nicht bekommen. „Lass uns Stockholm angucken“, sage ich zu Werner, „sonst stehen wir den ganzen Tag hier im Bahnhof! Unser Zug wird schon fahren!“ Aber Werner bleibt hart. Wir suchen in der Bahnhofshalle und finden das Büro der Tagcompaniet, die die Züge nach Lappland betreibt. Man bestätigt uns, dass alles klappen wird mit unserer Verbindung. „Verkaufen Sie Bustickets ab Narvik?“ setzt Werner noch obendrauf. Nein, natürlich nicht.

Jetzt aber los, die Stadt angucken! Stockholm ist eine Großstadt, und dementsprechend wandern wir uns die Füße platt. Es gibt eine Altstadt mit knallig gestrichenen Häusern, eines rot, eines gelb und das daneben blau, es gibt Fußgängerzonen mit Springbrunnen und Musik, irgendwo spielt gerade eine Gospelgruppe und wird stürmisch beklatscht, und dann kommen wir zum Königsschloss. Es wird gerade die Wachablösung zelebriert. Im Stechschritt marschieren Soldaten in blauer Paradeuniform vorbei, eine Militärkapelle spielt hoch zu Pferd sitzend, ein Trupp Kavallerie folgt. Theatralisch ziehen sie ihre Show für die Touristen ab, einen richtigen Sinn kann die Sache eigentlich nicht mehr haben. Wir gehen weiter zum Wasser, denn Stockholm ist auch eine Hafenstadt, und so machen wir eine kleine Fährfahrt. Das Linienschiff fährt am Tivoli vorbei, dem berühmten Jahrmarkt mit seiner Achterbahn und den Karussells, an Wohnvierteln im Grünen und an Kreuzfahrtschiffen. Bei sommerlichen Temperaturen gönnen wir uns anschließend ein Eis. Wozu schleppen wir eigentlich den ganzen Tag Pullover mit uns herum?

Abends holen wir unsere Rucksäcke vom Hotel ab, fahren zum Zentralbahnhof und warten auf die Abfahrt unseres Nachtzuges. In der Halle stehen bequeme Holzbänke, darüber hängen Bildschirme mit den aktuellen Fahr- und Gleisplänen. Wir essen ein Brötchen und warten, bis unser Zug angekündigt wird. Er steht in einem Seitentrakt des Bahnhofs, das kommt uns aus Kopenhagen doch schon bekannt vor? Der Bahnsteig ist noch leer und so können wir in aller Ruhe den Zug betrachten und unseren Wagen suchen. Die Lokomotive ist kantig-viereckig, blau lackiert mit einem roten Streifen. Die Wagen sind blau-grau, bei näherer Betrachtung muss man sagen, dass sie wohl schon bessere Tage gesehen haben. Die Strecke von Stockholm nach Norden ist noch nicht lange privatisiert und der Schaffner erzählt uns, die Tagcompaniet stehe schon kurz vor der Pleite. Was dann aus ihm werde, wisse er auch nicht. Das Rollmaterial wurde wohl billig gebraucht gekauft. Zu zweit belegen wir ein klimatisiertes Dreier-Schlafwagen-Abteil, das total eng ist. Der Platz neben den Betten ist kaum kofferbreit und die Betten sind ziemlich durchgelegen. Trotzdem schlafen wir gut, vielleicht auch Dank der Klimaanlage, die einwandfrei funktioniert. Normalerweise vermeide ich Nachtfahrten, und wenn doch, nehme ich aus Preisgründen Liegewagen, in denen ich schlecht schlafe und mehrfach geweckt werde durch Lärm und Mief.

Am nächsten Morgen blicke ich aus dem Fenster: Der Frühling ist vorbei, wir sind wieder im Winter gelandet! Wir fahren an Seen vorbei durch endlose Kiefern- und blattlose Birkenwälder. Es sieht kalt aus. Ein kurzes Tuten der Lokomotive, ich schaue schnell hoch - ein Schild unweit der Schienen signalisiert den Polarkreis! Wir frühstücken im kitschigen Speisewagen: Die Decke ist rot, der Boden mit einem roten Teppich bedeckt, man nimmt auf knallroten Kunstlederbänken Platz, schiebt die rote Gardine am Fenster beiseite und blickt am Wagenende auf ein riesiges rot-grünes Wandgemälde. Zu bedauern sind die im Sitzwagen Schlafenden, denn die Sitze lassen sich nicht wie ehemals in den D-Zügen zusammenschieben. In Boden endet der Nachtzug, wir müssen umsteigen, ein ähnlicher Zug aus Lulea steht bereit und ist auch schon gut besetzt. Die Sitze sind rot gepolstert, davor befindet sich ein kleines Tischchen und die Wände der Wagen sind aus Holz. Schon geht die Fahrt weiter, ein paar Stunden haben wir noch vor uns. Wir erreichen Kiruna, die Eisenerzstadt, wovon wir allerdings nicht viel mitbekommen. Eigentlich müsste man hier aussteigen und einen Tag bleiben, um sich die Gruben anzusehen, aber das lässt unser Zeitplan nicht zu. Wir haben uns für einen Halt in der Wildnis entschieden. Also belassen wir es mit dem Blick aus dem Fenster. Die Fahrt führt ab jetzt nicht weiter nach Norden, sondern wir biegen nach Westen ab. Wir sind in Lappland und fahren auf eingleisiger Strecke in die Berge, erster Schnee taucht auf. Endlich erreichen wir den kilometerlangen See Torneträsk , der noch komplett mit Eis bedeckt ist. Was für eine Landschaft! Wild und ursprünglich sieht es aus, die reine Natur. Ich kann mich nicht satt sehen. Gebaut wurde die Strecke zwischen Kiruna und Narvik, um das Eisenerz aus Kiruna zum Hafen von Narvik zu befördern. Im Gegensatz zur Ostsee friert die Nordsee bei Narvik nicht zu, so dass der Transport auch im Winter aufrecht erhalten werden kann. Wir halten in Abisko Östra, das ist der Bahnhof eines kleinen Dorfes, laut Ausschilderung 388 m hoch und 1506 km von Stockholm entfernt. Zwei Minuten später ist der nächste Stopp erreicht: Abisko Turiststation!

Hier steigen wir aus. Die Turiststation ist eine Art Jugendherberge für Jedermann, wo wir zwei Nächte bleiben werden. Es gibt ein großzügig angelegtes Haupthaus und daneben eine Art Dependance mit weiteren Räumen. Wir belegen ein Viererzimmer mit einem Etagen- und zwei Einzelbetten für uns alleine. Bettwäsche und Handtücher kann man ausleihen, für Sauberkeit im Zimmer muss man selbst sorgen. Nun waren wir eine Nacht und den ganzen Tag im Zug, Bewegung tut Not! Wir spazieren zum Dorf zurück, an dem wir eben noch gehalten haben. Zu Fuß dauert das immerhin zwanzig Minuten, und wir müssen uns warm laufen: Das Thermometer am Bahnhof zeigt ganze acht Grad an! Heute Abend sind wir Selbstverpfleger. In einem kleinen Supermarkt kaufen wir Tütensuppe, schwedisches Knäckebrot und Aufschnitt. Die Turiststation hat einen großen, gemütlich mit Holztischen und –stühlen eingerichteten Speiseraum inclusive einer Küche zum Selbstkochen, wo wir beim Essen durch große Fenster über den gefrorenen See auf schneebedeckte Berge gucken.
Und dann gehen wir noch in die Sauna! Ja, sogar das gibt es hier, im Preis inbegriffen. Neben uns schwitzt ein junger Mann, und kaum hört er Werner und mich reden, da spricht er uns an, denn er kommt aus der Schweiz! Er war beruflich in Stockholm, und hat noch das Wochenende zum Skifahren drangehängt. „Skifahren? Wo denn? Das geht doch hier gar nicht?“ fragen wir. „Doch, hier sind eine Menge Skifahrer zu Gast. Die nehmen alle morgens den Zug und fahren eine Station bis Riksgränsen, da liegt jede Menge Schnee. Hier ist das Übernachten billiger!“ Übermorgen werden wir in die Richtung fahren, ich bin mal gespannt auf die Berge.

Dann ist es Zeit, zu Bett zu gehen. Ich habe noch zwei Dosen Bier aus Hamburg dabei, hier in Schweden ist Alkohol ja sündhaft teuer, damit ist unser Vorrat aber auch aufgebraucht. „Gute Nacht“, wünsche ich, und wenig später bin ich eingeschlafen. Gegen ein Uhr wache ich auf und blicke aus dem Fenster. Es ist ein bisschen dämmerig, aber immer noch hell. So richtig dunkel wird es hier in dieser Jahreszeit nicht mehr, und die Mitternachtssonne kann man, so sie denn scheint, vom 12.6. bis zum 4.7. sehen. Im Winter ist es dann dafür durchgehend Nacht. Warum ist das so? Weil die Erdachse gegen die Sonne etwas geneigt ist. Ich stehe am Fenster und hebe meine linke, zur Faust geballte Hand. Das ist die Sonne. Sie strahlt ihr Licht auf die etwas tiefer gelegene rechte Hand, die ich auch zur Faust balle. Jetzt strecke ich ihren Zeigefinger senkrecht in die Höhe. Das ist die Erdachse. Und die kippe ich ein Stück zur Sonne. Die Fingerspitze ist der Nordpol und der Daumen, das ist ungefähr Abisko. Weiter unten Richtung Handwurzel findet man den Äquator. Alles klar? Wenn man die Sonnenstrahlen der linken Hand betrachtet, beleuchten sie Abisko und auch die innere Hälfte des Äquators. Seine äußere Hälfte allerdings liegt im Schatten, da ist es Nacht. Ich drehe meine rechte Hand um sich selbst, was nur ein Stück weit geht. Immerhin: Durch die schräge Haltung des Zeigefingers bleibt Abisko in der Sonne, während die helle Äquatorseite ins Dunkle gerät. Das ist der Tag- und Nachtrhythmus. Nun drehe ich die Erde um die Sonne – ich muss einen Schritt vom Fenster zurücktreten, sonst trifft die Erde auf das Fensterglas – das geht halbwegs, mit einem gewissen Knoten in den Armen, wichtig ist, dass die Zeigefingerneigung genauso bleibt wie sie ist, und nun sieht man, dass Abisko im Winter im Schatten liegt. Das ist alles streng astronomisch erklärbar, aber doch seltsam, wenn ich mitten in der Nacht in die helle Landschaft gucke. Werner schnarcht leise vor sich hin. Ich sollte ihn wecken, das ist doch ein Erlebnis! Aber natürlich lasse ich es bleiben und lege mich selbst wieder ins Bett.

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